Ein Lesehund in Schule und außerschulischen Einrichtungen

Hund mit Brille vor Buch

Hunde sind nicht nur tolle Haustiere und Spielkameraden für Kinder, sie können ihnen auch beim Lernen helfen. Lesehunde werden gezielt in der Leseförderung eingesetzt. Welche Vorteile das hat, erfahrt ihr hier.

Was ist ein Lesehund?

Ein Lesehund ist gewissermaßen ein Hund, der einer Arbeit nachgeht. Ja, ihr habt richtig gehört. Es darf nämlich nicht unterschätzt werden, dass diese Arbeit für den Hund anstrengend werden kann. Das Konzept des Lesehundes ist ein Teilbereich der tiergestützten Pädagogik, die überall dort zum Einsatz kommen kann, wo ein Hundebesitzer sein Tier für pädagogische Zwecke (in dem Fall also Leseförderung) einsetzt. Im Idealfall hat der Hundebesitzer eine entsprechende Ausbildung (z.B. Lehramt, Sozialpädagogik).

Was macht ein Lesehund?

Der Lesehund sitzt oder liegt gemeinsam mit dem Kind, das ihm vorliest, auf einem gemütlichen Platz. Dieser sollte kuschelig und zurückgezogen sein. Im besten Fall gibt es dafür einen anderen Raum, in den niemand außer dem Lesehund, dem Kind und dem Hundebesitzer hinein darf. Während das Kind liest, verhält sich der Lesehund ruhig. Er kann dabei mit geschlossenen Augen ruhen oder seine Aufmerksamkeit auf das Kind richten.

Wo kommt ein Lesehund zum Einsatz?

Lesehunde kann es in Schulen, Bibliotheken und anderen Einrichtungen wie Jugendclubs etc. geben. Dabei sind die Hunde in der Regel nicht jeden Tag vor Ort, sondern kommen beispielsweise 1x wöchentlich für eine begrenzte Zeit.

Kann jeder Hund ein Lesehund werden?

Nein. Lesehunde sollten bestimmte Charaktereigenschaften mitbringen, damit die Arbeit nicht zu Lasten ihrer Gesundheit geht oder eine Gefahrensituation entsteht. In erster Linie brauchen die Hunde eine hohe Toleranzgrenze. Sie dürfen bei plötzlichen Geräuschen, hinzukommenden Personen und schnellen Bewegungen nicht übermäßig gestresst reagieren. Außerdem sollten sie sich für eine begrenzte Zeit ruhig verhalten können.

Auch müssen sie sich einiges gefallen lassen. Es kann passieren, dass ein Kind – ob absichtlich oder aus Versehen – das Tier grob anfasst oder ihm Hundefutter wieder wegnimmt. Dann darf ein Lesehund natürlich nicht zuschnappen, auch wenn es für ihn unangenehm ist. Für die Eignung spielen also sowohl Erbanlagen als auch Erziehung und Prägung eine Rolle. Im Zweifelsfall sollte immer im Sinne des Hundes und der Kinder entschieden werden, auch wenn damit der Traum eines Hundebesitzers nicht in Erfüllung gehen kann.

Welche Ziele werden mit einem Lesehund verfolgt?

Wie es der Name bereits verrät, wird der Lesehund in der Leseförderung eingesetzt. Besonders Kinder, denen das Lesen sehr schwer fällt, weil sie zum Beispiel eine LRS haben, bauen durch Misserfolgserlebnisse schnell Ängste und Vermeidungsverhalten auf. Eine ungünstige Spirale setzt ein aus Misserfolg – Angst vor Misserfolg – Vermeidung – dadurch weniger Übung bei erhöhtem Übungsbedarf – noch mehr Misserfolge.

Mit einem Lesehund wird versucht, diese Negativspirale zu beenden. Der Kontakt mit dem Hund soll als angenehm und angstfrei empfunden werden. Die Anwesenheit des Hundes ist wie eine Belohnung für das Kind, denn es können nie alle Kinder einer Gruppe dem Hund etwas vorlesen. Durch den Lesehund übt das Kind einerseits regelmäßig und andererseits wird die Lesesituation mit positiven Gefühlen besetzt. Daran kann man anknüpfen und versuchen, diese Gefühle auch in anderen Lesesituationen hervorzurufen.

Geht Leseförderung nicht auch ohne Lesehund?

Ja, klar. Und es muss und sollte eigentlich nie so weit kommen, dass ein Kind Ängste vor dem Lesen entwickelt oder zu selten das Lesen übt. Wie bei vielen anderen Dingen gilt auch hier: Der Einsatz eines Lesehundes ist ein möglicher Weg von weiteren. Vielleicht ist er ein besonders schöner. Es macht Kindern Spaß, einem Hund vorzulesen. Es fühlt sich schön an, wenn man nebenbei durch das kuschelige Fell streicheln kann und so manches Kind erzählt mächtig stolz, dass es zu den wenigen gehört, die dem Hund vorlesen dürfen.

Der große Vorteil eines Lesenhundes ist, dass er das Kind nicht kritisiert, ihm nicht zurückmeldet, dass es schlecht oder zu langsam liest. Das tut gut! Vielleicht motiviert es das Kind, auch außerhalb der Vorlesezeit zu üben, damit es dem Hund bald besser vorlesen kann. Derartige Impulse müssen aber bedachtsam erfolgen, um nicht jegliche Effekte wieder zunichte zu machen.

Bilderbücher über Lesehunde

Obwohl sich Lesehunde auch im deutschsprachigen Raum zunehmender Beliebtheit erfreuen, gibt es erstaunlich wenige Kinderbücher oder Bilderbücher über Lesehunde. Eins davon mit dem Titel „Annika und der Lesehund“ möchte ich euch vorstellen.

Bilderbuch Lesehund in der Bibliothek

Annika geht vermutlich in die erste oder zweite Klasse. Das Lesen fällt ihr sehr schwer, selbst einzelne Wörter sind für sie schwierig und oft rät sie mehr, als dass sie liest. So sehr sie sich auch bemüht, es wird kaum besser und nie bekommt sie den erhofften Stern von der Lehrerin, den die Kinder erhalten, die die Wörter gut lesen. Annika ist frustriert! Bücher sind doof und überhaupt ist Lesen doof!

Zum Glück gibt es eine Bibliothek mit Lesehunde-Teams, in die Annikas Mama mit ihr an einem Samstag geht. Dort lernt Annika die Hündin Bonnie kennen, die sie mit treuen Hundeaugen anschaut und sie nicht auslacht, wenn sie Fehler macht. Jeden Samstag besucht sie den Lesehund Bonnie in der Bibliothek und entdeckt dadurch langsam Freude am Lesen.

Annika und der Lesehund

„Annika und der Lesehund“ zeigt eindrucksvoll, wie frustrierend und demütigend es für ein Kind sein kann, wenn es trotz großer Bemühungen nicht besser wird. Man kann nur hoffen, dass es wenige Lehrerinnen wie die von Annika gibt, die die Anstrengungsbereitschaft eines Kindes nicht honoriert und mit ihrem Belohnungssystem nur unter Druck setzt. Die Bilder mit Annika und ihrer Lesehündin Bonnie sind zuckersüß. Wer wünscht sich da nicht genau so einen Hund in der Bibliothek?

© Annika und der Lesehund, Baeschlin Verlag

Weniger gut gefällt mir die Umsetzung mit einer ganzen Schar von Hunden auf einem gemeinsamen Teppich in der Bibliothek. Das zeigt leider ein falsches Bild, denn auch ein Lesehund bleibt ein Hund, der sich in Anwesenheit von so vielen anderen Hunden anderes im Sinn hat, als sich still neben ein Kind zu legen.

Der Schluss des Buches ist für Kinder emotional ergreifend aber wenig realistisch. Annika wird überrascht, weil Bonnie mit einen Wurf Welpen in einem Nebenraum der Bibliothek auf sie wartet. Die Bibliothekarin möchte ich sehen, die diese Sauerei auf ihrem Teppich zulässt.

Die vielen anderen gelungen Szenen gleichen die Kritik wieder aus, so dass ich das Bilderbuch „Annika und der Lesehund“ dennoch empfehle. Es zeigt am Beispiel von Annika, dass es gut ausgehen kann, obwohl es wirklich hoffnungslos und frustrierend erscheint. Denn darum geht es in der Arbeit mit Lesehunden: Die Kinder zu motivieren und in ihnen die Hoffnung und die Anstrengungsbereitschaft zu wecken, damit es mit dem Lesen irgendwann doch noch klappt.

Lisa Papp
Annika und der Lesehund
Baeschlin Verlag 2018
ISBN 978-3-03893-008-2
32 Seiten * Preis: 19,80 € [D] * Altersempfehlung: 4-7 Jahre

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